Stories-German
Erzählungen aus Schattenstädten
A spoken word performance by
cybermohalla
11th and 12th March, 2004
Hamburg, Germany
Texts written and narrated by
Baby Tabassum
Dhirendar Pratap Singh
Kiran Verma
Kulvinder Kaur
Lakhmi Chand Kohli
Neelofar
Rakesh Kumar
Shahana Parveen
Shamsher
Suraj
Tripan Kumar
Yashoda
Performance workshop co-ordination
Shuddhabrata Sengupta
Sanya Ansari
Workshop Assistance
Aniruddha Shankar
Soundscape Production
Ashish Mahajan
Performance Technical Assistance
Aniruddha Shankar
Ashish Mahajan
Mrityunjay Chatterjee
Prabhat K. Jha
Shveta Sarda
Übersetzt aus dem Englischen von
Christoph Schäfer, Delhi, 2004
Angelehnt an Walter Benjamin:
Geschichtenerzählen ist die Kunst des Nacherzählens. Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, in den Reden vieler nameloser Geschichtenerzähler, ist die Quelle, aus der alle Erzähler geschöpft haben. Geschichten - Märchen, Legenden, Sagen - entspringen dem Mündlichen und fließen wieder in mündliche Überlieferung hinein. Indem er aus der Erfahrung schöpft, aus seiner eigenen oder aus der, von der andere berichtet haben, macht der Erzähler die Erfahrung derer, die seine Geschichte hören. Wenn der Rhythmus der Erzählung den Zuhörer in Bann hält, dann hört er die Geschichte so, dass das Vermögen, sie nachzuerzählen, ihm wie von
selbst zufällt. Der Erzähler ist niemals allein.
Text 01
Der Tag der Prüfung
Diese Geschichte ist aus den Tagen, als wir die Vorprüfungen hatten. Und eines Tages passierte etwas, das unseren Klassenraum mit schallendem Gelächter erfüllte. Also los, laßt mich euch von diesem Tag erzählen.
Dezembertage. Wir machten unsere Prüfungen. Es war Dienstag, und um halb zwei sollte es die Aufgaben geben. Die Jungs waren um eins in der Schule. Alle begrüßten sich und unterhielten sich. Aber niemand sprach über die Prüfung, wegen der alle gekommen waren - vergesst es. Niemand wußte, um welches Thema es heut gehen sollte. Als ihnen das auffiel, lachten alle und zogen sich gegenseitig auf: "Du bist doch wegen der Prüfung gekommen. Weißt du wenigstens, welches Fach heute dran ist?"
Egal. Es war Zeit für die Aufgaben. Alle Jungs gingen und standen an der Tür des Klassenzimmers. Sie wollten wissen, welcher Lehrer heute Aufsicht haben würde. Alle dachten: bloß nicht Babu Lal. Alle beteten darum! Und seht, wie schnell ihre Gebete erhört wurden. Es war nicht Babu Lal der kam, sondern ein sehr guter Lehrer, J.P. Sir.
J.P. Sir mischt sich nicht ein. Er sitzt ruhig am Rand. Alle Jungs waren froh ihn zu sehen. Alle sagten Guten Tag zu Sir, und gingen und setzten sich auf ihre Plätze. Dann begann Sir auszuteilen, erst die Aufgabe, und dann die Antwortblätter. Danach sagte er den Satz den er immer sagt.
Sir: Sitzt ruhig und erledigt eure Aufgaben. Ich will keinen Laut hören.
Wir sagten: O.k. Sir, wir werden Ihnen keine Gelegenheit zur Beschwerde geben.
Dann saßen wir Jungs alle da und begannen uns den Fragebogen anzusehen. Wir schauten welche Frage uns die meisten Punkte bringen würde und zugleich am leichtesten zu beantworten wäre. Vielleicht war das der Grund, wieso der Blick von allen zuerst auf die selbe Frage fiel, und sich sogleich zahlreiche Stimmen erhoben.
Die Jungs sagten: Hey! Seht euch bloß Frage Sechs an!
Ein Junge fragte: Wo? Welche Frage?
Der andere Junge erwiderte: Sieh Dir mal die vierte Frage auf der dritten Seite an.
Also lasen alle die Frage und begannen laut miteinander zu diskutieren. Sir war nicht im Klassenzimmer, also konnten wir ihn nicht wegen der Aufgabe fragen. Also erzählten alle, wie sie diese Frage versuchen würden zu beantworten. Nun wundert Ihr Euch sicher, was für eine Frage das war.
Hört her: Welche Eigenschaften zeichnen eine Gang aus?
Alle begannen diese Frage zu beantworten. Und dann hatten alle wohl in etwa das Gleiche geantwortet. Ungefähr das:
Eine Gang ist etwas, was man nicht sehen kann. Es ist gewöhnlich verborgen. Es ist etwas, das verknüpft ist durch heimliche Verbindungen, für gewöhnlich um Gutes für die Menschen zu tun. Aber manchmal kann eine Gang auch für schlechte Dinge benutzt werden. Wenn sie ausbricht, kann Sie Leben gefährden.
Alle schrieben ungefähr eine Seite und waren sehr glücklich, daß ihnen wenigstens Frage Sechs einige Punkte bringen würde. Aber die Dinge standen nicht lange so günstig. Ein Lehrer betrat den Klassenraum.
Dieser andere Lehrer: Kinder, blättert zur vierten Frage auf der dritten Seite.
Alle Jungs schlugen die Seite auf und sagten -
Die Jungs: Sir, wir haben diese Frage schon beantwortet. Sir, es war eine sehr gute Frage, Sir, und sehr einfach!
Der andere Sir: Da ist ein Druckfehler in dieser Frage. Es heißt nicht Gang, sondern Gas. Bitte korrigiert diesen Fehler.
Die Jungs: Aber Sir, wir haben diese Frage schon beantwortet, Sir. Eine ganze Seite. Wir werden es noch einmal machen müssen, Sir.
Sir: Aber die Frage ist falsch! Du wirst es schlicht noch mal beantworten müssen! Die Frage ergibt keinen Sinn, so wie sie jetzt da steht.
Wieder und wieder schauten sich alle Jungs die Frage an, und entschieden sich, sie nicht noch mal zu beantworten. Ihr hättet ihre Gesichter sehen sollen! Alle sahen sich gegenseitig an und sagten: "Bhai, ich mache es nicht. Wenn du es machen willst, tu's." Der andere antwortete: "Alter! Was Du nicht sagst! Bin ich blöd, die Frage noch mal zu lösen?" Ein weiterer Junge sprach...
Ein Junge: Mann, Alter! Was für einen Unterschied soll es schon geben, zwischen einem Gas und einer Gang? Beide kann man nicht sehen. Was wir geschrieben haben ist korrekt.
Ein anderer Junge: Genau! Du hast recht mein Freund. Und es ist nicht einmal so, daß wir Punkte machen würden, mit so einer Frage, oder daß irgendeiner von uns bestehen würde, weil er diese Frage beantwortet.
Also kümmerte sich niemand weiter drum. Vielleicht manche doch. Aber eigentlich sollte die Geschichte erst an der Stelle beginnen, als Sir begann alle Antwortzettel vorzulesen, einen nach dem anderen. Jemand hatte geschrieben, das Gas Schüsse abfeuert, ein anderer, das Gas verantwortlich ist für die Verbreitung des Terrorismus, und noch einer, das Gas im Untergrund lebt. Als wir das hörten, brach ein riesiges Gelächter aus.
Text 02
Mein Gedanke, mein Feind
Ich habe mich entschieden, die Schule zu verlassen. Wie ich durch die letzte Nacht gekommen bin, das weiß nur ich. Als es morgen war, öffnete ich die Augen, stand auf, und wusch mir die Hände und das Gesicht. Ammi fragt, das Gleiche wie jeden Morgen, "Wirst du zur Schule gehen oder nicht? Was willst Du tun? Warum sagst Du nichts? Willst Du was lernen oder nicht? Dein Vater fragt, was Du anfangen wirst, mit Deinem Leben." Habe ich Antworten auf diese aufgeheizten Fragen? Werde ich fähig sein, sie auszusprechen? Blitze durchzucken mich wenn ich daran denke. Ich schaue mich um, angenervt, und trage dann leise den Funken mit mir, der mein Blut zum Kochen bringt.
Ich renne auf den rettenden Hafen zu - dem Ufer entgegen, das mir neues Leben geben wird. Aber es war nur ein Trugbild, und wieder verlaufe ich mich im Labyrinth. Enttäuscht, mein Ziel nicht erreicht zu haben, komme ich in der Werkstatt an. Ich sitze da, still, beruhige mich. Nach einiger Zeit fangen Gespräche an, und gehen weiter bis neun oder halb zehn. Ich bin drum rum gekommen, um den Augenblick, wo ich meinen Feinden begegnet wäre. Ich glaube, mein eigenes Denken ist mein Feind.
Zeit zu gehen. Und meine Verwirrung und Probleme zurücklassend, mache ich mich auf in die Strassen des Viertels. Seine Bilder im Kopf, seine Töne im Ohr, komme ich zu Haus an.
Das Haus ist friedlich um diese Zeit. Papa ist weg zur Arbeit. Wie mein älterer Bruder. Drei Brüder und Schwestern sind zur Schule. Ich denke, nur meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich sind zu Haus. Ich mache mich fertig und gehe raus. Es ist ein eigenartiges Zögern in der Stimmung des Hauses.
Wieder einmal ziehe ich durch die Strassen, suche nach meinem Ziel. Ich merke nicht einmal, daß ich schon am Compughar angekommen bin. Ich gehe rein, seh' mir alle an, und setze mich, vielleicht mit einem kleinen Lächeln, in meine Ecke im Raum.
Text 03
Foto
Was ist das, wovon wir nur eine Facette sehen? Ein Foto.
Wir waren losgegangen um nach einer Braut für meinen Bruder zu gucken. Wir brachten ein Foto mit und zeigten es ihm. Mein Bruder mag Mädchen mit langem Haar. Das Foto war von vorne gemacht. Das Mädchen auf dem Foto hatte dünne Lippen, und weit auseinander stehende Augen. Sie war klein und dick. Sie war ganz hübsch anzusehen. Mein Bruder nahm das Foto in seine Hand und fragte Yasmin, "Wie lang ist ihr Haar?". Mein jüngere Schwester sagte, "Sehr lang und dick, sie flechtet es zu einem Zopf". Er drehte das Foto um und sagte, "Das kann ich nicht sehen!".
Das brachte mich zum Nachdenken. Wenn wir ein Foto sehen, von einem Mädchen und einem Jungen, denken wir gewöhnlich, sie hätten was miteinander. Wir beginnen, vergangene oder vorgestellte Zeit mit der Fotografie zu verbinden. Wenn wir die Rückseite eines Objekts sehen können - warum nicht die eines Fotos! Unser ganzes Sein ist in das Foto hinein gestülpt. Sie sagen, ein Foto nähme unser ganzes Dasein auf, unsere Erinnerungen, unsere Zeit, unsere Gefühlsausdrücke. Aber auch nachdem etwas in einer Aufnahme festgehalten wurde, ist kein Eingesperrtsein in einem Foto. Früher haben Leute gedacht, sich fotografieren zu lassen, verkürze das Leben. Ich bin wirklich nicht ganz sicher, wie wahr das ist. Wenn ich frage, sagen sie, "Das ist was die Älteren sagen".
Manche Leute sind sehr fotogen, und ihre Fotos sind so echt, daß sie aus dem Foto herauszukommen scheinen. Wenn ein Spiegel und ein Foto das gleiche sind, warum werden sie für etwas unterschiedliches gehalten? Was ist der Unterschied zwischen einem Spiegel und einem Foto?
Text 04
Ich, Ashoki
Dies ist die Geschichte eines Mannes namens Ashoki. Er ist dünn und dunkel. Manchmal sauber, manchmal dreckig. Er betritt die Kanalisation um sie zu säubern. Er ist 30 - 35 Jahre alt.
Ich bin Ashoki. Am Donnerstag gingen wir, nach einer Beschwerde die bei uns eingegangen war, um in Dakshanpuri die Abwasserkanäle zu säubern. Wir waren unterwegs um die Hauptleitung sauber zu machen. Sobald wir die Gasse erreicht hatten, wo wir die Siele zu säubern hatten, stellte ich mich ruhig an die Seite. Ich musste in die Kanalisation runter. Deshalb hatte ich meine schmutzigen Sachen an, und war etwas angetrunken. Leute aus der Strasse waren aus ihren Häusern gekommen und sagten uns, daß der dritte Abfluss verstopft sei. Sie sagten, dies sei vielleicht während des Baus eines neuen Hauses in der Nähe passiert, und daß beim Zement anrühren vielleicht etwas davon in den Gully gelaufen sei.
Meine Kollegen öffneten die Kanaldeckel und untersuchten sie. Ich stand weiter da, still. Leute sahen mich an, als wäre ich ein Verrückter. Und andere fanden mich ekelhaft. Ich weiß das, weil Kinder, die zu mir kamen, von ihren Eltern festgehalten und zurückgerufen wurden.
Der Junge, der die Beschwerde bei mir eingereicht hatte, war auch da. Er sah mich mit überraschten Augen an. Vielleicht dachte er daran, wie er in mein Büro gekommen war, ich in ordentlicher Kleidung, und wie ich mit ihm wie ein Beamter gesprochen hatte. Ich lachte innerlich. In seinen Augen war ich zuerst ein Beamter, ein sahib, ein Herr. Er hatte mich Sir genannt. Aber wie sollte er mich jetzt ansprechen? Vielleicht dachte er an das Gleiche.
Dann sagten mir meine Kollegen, ich solle in den Kanal gehen. Als er das hörte, wurde seine Verwunderung vielleicht noch größer. In seinem Kopf muss er gedacht haben, "Dies ist kein sahib, sondern ein niedriger Beschäftigter, der in Abwasserkanäle steigt und sie sauber macht".
Als ich in den Kanal stieg, schauten Leute mich an als wäre ich kein menschliches Wesen wie sie. Sie machen sich keine Vorstellung, wie dreckig ich bin. Und das, wenn ich ihren Dreck wegmache. Ich frage mich warum die Leute so denken. Und als ich raus kam und der Abfluss frei war - das Glück auf denselben Gesichtern muss man gesehen haben! Aber manche Leute waren immer noch angewidert von mir. Weil, jetzt war ich noch dreckiger - nasse Klamotten, mit Unrat beschmiert. Dann wusch ich meine Hände vor einem Haus und ging zu meinem Büro.
Aber ich dachte: ich mache deren Dreck weg. Warum werde ich dann wie ein Tier behandelt? Warum? Bin ich kein menschliches Wesen, wie sie? Dann, nach einer Weile, sagte mir mein Herz, "Vergiss es, es macht nichts. So sind die Dinge nun mal."
Dann erreichten wir das Büro. Und dieser Gedanke blieb zurück, in jener Gasse.
Text 05
Dilli Gate
Dilli Gate ist ein Tor, ein berühmtes Monument in Delhi. Wo immer zuviel Verkehr ist. Ein Taubenschlag der zwei Strassen teilt. Er ist so berühmt geworden, weil Leute, die ein sehr beschäftigtes Leben führen, hier trotzdem versuchen, etwas Gutes zu tun oder Gutwilligkeit zu ernten. Als ich heute hier vorbei kam, beobachtete ich merkwürdige Verbindungen zwischen all diesen Leuten, die mit diesem Ort zu tun haben, und die mir vorher nie aufgefallen waren.
Ich war direkt nach dem Bad raus gegangen, deshalb war mir etwas kühl. Und die Sonne schien hier sehr warm zu sein. Ich setzte mich auf ein niedriges, breites Stück Mauer. Trotz all des Lärms breitete sich eine unbekannte Ruhe in mir aus. Still bewegte ich meine Augen umher, den Platz untersuchend. Ich konnte die Notaufnahme vor mir sehen. Außerhalb davon waren einige Fruchtverkäufer mit ihren Karren. Zwischen dem Herein und Heraus der Patienten waren auch Gruppen gesunder Leute, die sich in beide Richtungen bewegten.
Hinter mir waren Gebäude großer Firmen. Das Sonnenlicht fiel direkt auf sie, so daß ihre Namen leicht zu lesen waren. Der Strom der Leute, die diese Strasse passieren, reißt niemals ab. Die vorbeiziehende Menge betrachtend, erinnerte ich mich an eine Freundin, die eine Frage gestellt hatte, "Wenn wir in einer Menge ständen und uns gegenseitig anschauten, was würden die Augen der Menge uns sagen? Bewegung! Geh aus dem Weg!" Die Frage wummerte in meinem Hirn. Ich begann die Leute auf der Strasse vor mir unter dem Druck dieser Frage anzusehen.
Ich sah eine Frau. Ihr Gesicht war dunkelhäutig und erfahren. Sie versuchte über die Strasse zu kommen, und kam auf mich zu. Vier oder fünf Männer kreuzten ihren Weg. Die sah ich nicht an; ich konnte nur die Frau sehen. Meine Augen waren fixiert auf die Augen der Frau, um zu sehen, wie sie reagieren würde, während sie diese Leute passierte.
Aber es waren nicht nur ihre Augen die reagierten. Der Ausdruck auf ihrem ganzen Gesicht änderte sich. Ein Gesicht, das normal ausgesehen hatte bis dahin, trug nun den Ausdruck von Anstrengung. Ihre Hände, die die dupatta festhielten, spielten über ihren Körper. Ihre Augen waren auf diese Leute gerichtet, und meine auf sie. In ihren Augen sah ich die Not, schnell vorbei zu eilen. Sie passierte diese Leute in einer Sekunde. Aber in dieser Sekunde - wieviel Ausdrücke sie durchlaufen hatte. Sie lief weiter, an mir vorbei.
Aber was die Augen dieser Leute ihr sagten, blieb mir verschlossen. Ich hatte immer noch keine Antwort auf diese Frage. Mein Geist war müde. Und ich begann die Tauben anzuschauen, die vor mir nach Futter pickten. Ich hatte mich entschieden, daß ich mich dieser Frage nicht wieder zuwenden würde. Ich sah mir voller Zuneigung die Tauben an. Und außerdem einen älteren Mann, der sehr klein war und einen kurta-pyjama trug, mit Plastikschuhen an den Füßen, die ziemlich abgetragen waren. Sein Haar war altersweiß, und seine Haut sah aus wie von der Sonne verbrannt. Sein Gesichtszüge waren in Ordnung. Er füllte Wasser für die Tauben in unglasierte Tontöpfe. Die Töpfe waren halbvoll mit Wasser, und die obere Hälfte war trocken. Wenn der alte Mann Wasser hinein schüttete, durchdrang mich der Geruch von feuchter Erde. Es war ein schöner Anblick. Und drum rum war ein Netz aus weichen Gefühlen gesponnen. Es gab keinen Platz für irgendjemanden in diesen Gefühlen - nicht für Freunde, nicht für die Liebsten, nicht für Fremde, und nicht für die Vergangenheit, die ich hinter mir gelassen hatte, für einige Augenblicke, nach so vielen Jahren. Ich wußte nicht, was für eine unbekannte Ruhe das war, die aus meinem Körper floss wie weiches Licht, und sich ausbreitete.
Text 06
Lücken in einer Menge
von Oben und von Innen
Mengen, von oben und weit weg Ich sah herunter aus etwa 25 Fuß Höhe. Es war ein großes Gedränge. Leute kamen und gingen. Obwohl sie mitten in der Menge gingen, schienen ihre Gesichter nicht beunruhigt. Von oben sah es so aus, als gäbe es keinen Boden unter ihren Füßen. Die Umgebung ordnete sich leicht in meinem Blick an. Es gab viele Läden, und vor jedem Laden war eine eigene Menge. Ich fragte mich, wie Leute irgendetwas kaufen konnten in so einem Gedränge. Da waren unzählig Viele. Es kamen viel mehr Leute an, als Leute weggingen. Manchmal wirkte es wie ein Bienenstock, dann wieder wie Insekten die über den Boden krabbeln. Ich fand es schwierig etwas bestimmtes zu betrachten, mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Es schien als gäbe es keinen Platz um in diese Menge einzudringen. Wenn wir es versuchen würden, kämen wir vielleicht nicht durch.
Manchmal fühlen wir uns wie in einer Menge, obwohl wir nicht drin sind. Seltsame Ängste tauchen auf und bewegen unsere Herzen. Es scheint als versuchten uns diese Gefühle verschiedene Facetten des in-der-Menge-seins zu zeigen. Es scheint, als versuchten sie uns vor der Menge zu retten. Es sind viele Töne da, aber sie erreichen unsere Ohren nicht richtig.
Leute tanzten um Läden als bekämen sie etwas umsonst.
Mengen, von Angesicht zu Angesicht
Wenn du auf einer Ebene mit der Menge stehst, kannst du Gesichter sehen. Du siehst unterschiedliche Züge und Erscheinungen, die von oben nicht zu sehen waren. Ausdrücke auf jedem Gesicht sind zu sehen. Einige Gesichter scheinen nach etwas zu suchen. Manchmal ist es ein Blick des Unbekannten, und manchmal ein irgendwie intimes Suchen. Augen tanzen umher in alle Richtungen. Man kann nicht rauskriegen wo die Lücken sind, wo Leute ihr Füße hinsetzen. Manche Gesichter lächeln, und es scheint, sie hätten keine Sorgen oder Probleme in dieser Menge zu laufen. Manchmal scheint es so, als wären Leute nicht zum Kaufen gekommen, sondern zum Bummeln.
Wenn du genau guckst, merkst du, daß Leute miteinander Schritt halten. Wenn zwei oder drei Leute an uns vorbeilaufen, fühlt sich das an, als wären sie die Engel des Todes, hier um uns in die Menge zu ziehen, in das Gedrängel. Wir starren sie an, ohne Unterlass, bis diese Gesichter uns hinter sich lassen.
Mengen, wenn du in die Lücke hineingehst
Obwohl es so scheint, als gäbe es keinen Platz in der Menge, in diesem Gedrängel, ist, sobald du rein gehst, immer Raum um Einzudringen. Während des Reingehens in eine Menge, merkst du, was leicht geht und was schwierig ist. Du ignorierst deine Umgebung etwas. Sogar wenn etwas deine Aufmerksamkeit anzieht, fühlt sich Dein Herz etwas angestrengt. Weil das Herz sich einsam fühlen kann, sogar mitten in der Menge.
Text 07
Saurer Regen
Da war ein Junge namens Sonu. Sogar nachdem die Vorstellung zu Ende war, weigerte er sich aus der Kinohalle herauszugehen, weil er in dem Film gesehen hatte, daß draußen saurer Regen fällt. Das hatte sich in sein Herz gegraben. Und obwohl die Leute versucht hatten, ihm zu erklären, daß es nicht so sei, weigerte er sich die Eingangshalle zu verlassen. Alle fanden, sie sollten ihn jetzt mit Gewalt rausbringen. Aber er gab nicht nach. Seine Eltern waren sehr aufgeregt. Schließlich, unter Einsatz körperlicher Gewalt, kriegten Leute ihn raus. Zufällig regnete es draußen. Der Junge war zu Tode erschreckt und begann zu heulen. Alle entschieden, daß endlich ein Lösung gefunden werden müsse.
Sein Onkel erklärte es ihm und sagte, Sohn, los jetzt, sonst kommt Kilwish. Als er das hörte, war der Junge noch mehr verängstigt. Dann dachte ein Mann, wenn dieser Junge sich vor Kilwish fürchtet, dann wä'8are unser Problem vielleicht gelöst, wenn Shaktimaan vor ihm erscheinen würde. Ein Mann wurde dazu gebracht, vor ihm zu erscheinen, als Shaktimaan verkleidet. Der Junge erreichte sein zu Hause, aber der Gedanke an den sauren Regen ließ ihn nicht mehr los.
Eines Tages gingen sie alle aus, Mutter, Vater und Sonu. Plötzlich zogen sich Wolken am Himmel zusammen, und Regen setzte ein. Der Junge war sichtlich erschüttert, und begann zu rennen. Er erreichte dieselbe Halle wo er den Film gesehen hatte. Alle waren bewegt von seinem Wiedererscheinen. Der Junge fühlte sich sicher, als er sie alle wiedersah. Aber er hatte so eine Angst vor dem Regen.... als würde der ihn auffressen. Als es aufgehört hatte zu regnen, brachten Sonu's Eltern ihn zum Arzt. Der Arzt fragte ihn, wovor er Angst habe. Er sagte Säure. Der Arzt fragte, Und hast du auch Angst vor Wasser? Der Junge sagte, Nein. Der Arzt sagte, Regen besteht aus Wasser. Der Arzt ließ eine Medizin bringen. Warum gehst Du nicht raus und schaust selbst nach? Shaktimaan wird immer da sein.
Der Junge ging raus. Zuerst fürchtete er sich. Aber dann verschwand all seine Angst. Seine Eltern waren sehr froh.
Text 08
Viele Töne erreichen das Ohr
Es ist 11 Uhr 30 nachts. Als ich begann, aufzupassen, was um mich geschah, konnte ich Töne von verschiedenen Orten hören.
Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich die Töne eines Fernsehers hören.
ein Geräusch, das manchmal weich ist, und dann wieder laut.
Warum ist das so? Ich konnte es nicht rauskriegen. Ich richtete meine Aufmerksamkeit darauf und begriff dann, daß ein Fernseher Musik in sich hat, wegen der die Töne manchmal weich klingen, und manchmal laut.
Inzwischen kamen die Töne von Gesprächen aus unserem Nachbarhaus.
Ein Geräusch, das absolut klar war.
Reshma rief nach ihrer Schwester, vom Dach. Farah, oh Farah.
Hol das Wasser. Es muss der Ziege gebracht werden. Reshma's Stimme hinterließ ein Echo in der Stille der Nacht.
Ich horchte nach diesen Geräuschen, als laute Stimmen der Arbeiter der Augenklinik neben unserem Haus herüber drangen. Ich dachte, diese Leute streiten. Ich öffnete schnell das Fenster und sah, daß sie nur Spaß machten.
In dem Augenblick fuhr ein Auto vorbei. Es machte ein Geräusch Zunnn... nn...n als es vorbeifuhr. Welches Fahrzeug auch immer vorbeifuhr, sein Geräusch konnte man deutlich hören. Zum Beispiel das Geräusch eines Motorrollers, oder die Hupe eines Busses. Wie auch das Bhon Bhon eines bellenden Hundes zu hören war, und die Töne der Glöckchen an den Füßen von jemand.
All diese Geräusche sind klar hörbar bei Nacht. Warum ist das so? Darüber nachdenkend legte ich mich aufs Bett und überlegte, warum kann ich sie so klar hören? Das ist nicht wie am Tag.
Es scheint als hörten wir mehr Geräusche am Morgen. Töne der unterschiedlichsten Art. Diese Töne kann man nachmittags nicht hören
Alle Frauen haben ihre Arbeit beendet und sitzen auf den Dächern. sie erzählen einander ihre Haushaltsprobleme. Da rief Bhoori zu ihrem Sohn... Azeem!
Aber ihr Sohn hörte sie nicht. Da wurde Bhoori zornig. Die Leichtigkeit, die in ihrem Ton gewesen war, war weg. Da war eine Harschheit in ihrer Stimme, die von ihrem Ärger sprach. Das bedeutet, daß Ärger die Stimme einer Person verändert.
Alle sitzen auf ihren Dächern und reden. Ich kann sie nicht genau hören. Aber einige Fetzen sind verstehbar. Dazu kommt der Lärm des Verkehrs, der Lärm der Leute, die Waren auf der Strasse verkaufen, der Klang eines Liedes von weit weg irgendwo.
Wäre dieses Lied in der Nähe von uns abgespielt worden, hätte es uns mit freudiger Aufregung erfüllt.
Die Geräusche der Fahrzeuge die kommen und gehen.
Die Geräusche von jemand der was verkauft.
Erdnüsse. Kauf Erdnüsse. Heiße und knusprige Erdnüsse. Die Mandeln der Armen sind Erdnüsse. Kauf! Kauf!
Kinder fingen an ihre Mütter anzuquengeln. Mami, gib uns einen Rupee.
Shakeela baji gab ihrem Sohn einen Rupee und sagte zu dem Erdnussverkäufer,
Bhaiya, du kommst jeden Tag und sorgst dafür, daß wir Geld ausgeben.
Der Erdnussverkäufer sagte, Behen, wir machen so viele Runden für die Kinder durch verschiedene Strassen. Nachdem er das gesagt hatte, ging er. Seine Stimme wurde weicher und leiser.
Nach einiger Zeit, stand ich draußen in meiner Gasse, als der Ohrringverkäufer kam. Ohrringe aus Gold zum Preis von Murmeln, sagte er. Die Frauen umringten ihn. Arre Bhaiya, zeig uns den hier. Was kostet der?
Der Mann: Wert zehn Rupees.
Arre! Der in Sui Walan verkauft den uns für fünf!
All diese Leute sprachen miteinander. Ich ging heim. Es war abend. Ich ging rauf aufs Dach um die getrockneten Sachen zu holen. Ich sah, ein paar Häuser weg von meinem, eine Jungen, der Tauben fliegen ließ. Er rief ihnen zu, um sie zu Füttern.
Aa Aa Aa Aa.
Was ist das? Alle Tauben kommen herunter. Wenn eine auf seiner Schulter sitzt, sitzt die nächste auf der Mauer. Die Tauben erkennen seine Stimme!
Alle Vögel kehren heim. All ihre Stimmen zusammen machen ein ganz anderes Geräusch. Es fühlt sich nett an. Glücklich.
Über all das nachdenkend, ging ich runter und begann darauf zu warten, das Wasser kommt.
Text 09
Der Teestand
Ganz in der Nähe wo ich wohne, ist Aslam Bhai's Teestand. Er besitzt einen großen Lebensmittelladen und einen Teestand. Der Teestand steht an einer Wand. Auf beiden Seiten sind kleine Mauern, und darauf liegt eine breite Steinplatte. Auf der Platte ist eine Gasfeuerstelle. Und darauf ein Topf, der braun geworden ist, von dem Tee der immer wieder darin gekocht wird. Zwei Siebe liegen immer in dem Topf. Ihre Griffe sind sehr lang. Neben der Gasplatte sind zwei dreckige Plastikgefäße; eins mit Zucker, das anderer mit Teeblättern. Derselbe Löffel wird für beides benutzt. Unter der Steinplatte ist ein blauer Wasserbehälter. Daneben, in einem Korb, sind Tassen. An der Wand, etwas höher, sind viele Nägel. Ein Korb aus Drahtgeflecht, um Tassen und Gläser zu tragen, hängt an einem davon.
Neben dem Stand ist eine Steinbank. Im Sommer schläft Aslam Bhai darauf. Während des Tages spielen Kinder dort. Wenn eine Frau die Kinder wegjagt und sich da hinsetzt, kommen noch mehr Frauen, setzen sich dazu und unterhalten sich. Morgens dient die Bank als Restaurant. Leute die zu Aslam Bhai zum Teetrinken kommen, setzen sich auf die Bank und schlürfen Tee. Wenn sie da sitzen, kaufen sie auch was zu essen. Fertig mit dem Tee, rauchen sie Zigaretten oder bidis. Normalerweise trinken nur Männer Tee auf diese Art. Spät in der Nacht sitzen manchmal auch Jungs da. Im Winter ziehen Frauen ihre Kinder an, pudern sie ein, wickeln sie in eine Decke, und legen sie auf die Bank zum Sonnen.
Aslam Bhai betreibt beide Geschäfte. Er steht in seinem Lebensmittelladen und fragt seine drei Töchter, ob sie Tassen und Gläser von der Fabrik zurückholen oder wohin auch immer Tee geliefert wurde. Sie laufen los und erledigen seinen Auftrag auf ein Wort hin. Jede von ihnen beschwert sich bei ihm über die andere, wenn sie will, daß die verhauen wird: "Babu, sieh mal, Shabana holt die Tassen nicht".
Nicht einmal ich weiß, wohin all der Tee aus seinem Laden geliefert wird. Wenn er in die Werkstätten geschickt wird, kommt er in einen großen Kessel, und mit vielen Gläsern. Wenn er zu jemand nach Haus geht, wird er in eine kleine Kanne gefüllt. Normalerweise bereiten seine Frau und seine älteste Tochter Bahara den Tee zu. Aber er wird von den drei jungen Töchtern geliefert. Wenn die nicht da sind, angenommen, sie sind in der Schule, liefert seine Frau den Tee.
Leute haben das Haus gemietet, an dessen Wand der Teestand steht. Eines Tages kam der Besitzer des Hauses. Er lebt in Turkman Gate und vermietet sein Haus für 1000 - 1200 Rupees. Er kam und fragte Aslam Bhai "Was soll diese illegale Besetzung meiner Wand bedeuten?" Aslam Bhai konnte nichts darauf antworten. Der Besitzer ließ die Sachen beseitigen und riss die zwei tragende Mauern des Stands ein. Und bevor er ging, sagte er Aslam Bhai, er solle die nicht wieder aufbauen.
Jetzt ist Aslam Bhai's Teestand vor der Tür seines Hauses, wo er die Geräte auf eine Steinplatte gestellt hat. Deshalb ist die Bewegung ins Haus inein und heraus ein Problem geworden. Aber die, die das Haus mit der Wand gemietet haben, sind sehr froh, weil sie jetzt etwas Platz vor dem Haus benutzen können. Die Frau kocht Gemüse auf einem Ofen den sie dann wieder ins Haus bringt. Sie haben Plastiktüten mit Kinderspielzeug - Bälle und Musikinstrumente - an die selben Nägel gehängt. Darunter, auf dem Stein an der Mauer, bewahren sie kleine Behälter mit Wasser auf.
Manchmal kommt Tee aus Aslam Bhai's Laden in unser Haus. Seit der Stand von seinem alten Platz umgezogen ist, sieht es dort recht leer aus.
Text 10
Ich will ihn zurück
Schweigen hat sich über unser Haus gelegt. Obwohl ständig 10 bis 12 Leute im Haus sind, bleibt es ruhig. Ich weiß nicht, ob das Schweigen nur zu Besuch ist, oder ob es nun für immer in unserem Haus wohnt.
Ich will Euch von meinem älteren Bruder Shanu erzählen, der zu etwas geworden ist, was ich mir nicht mal in meiner wildesten Fantasie hätte vorstellen können. Er war ein fröhlicher junger Mann gewesen, der auf seine eigene Weise gelebt hatte. Heute ist er hilflos. Und krank.
Shanu Bhai ist dunkel, mittelgroß. Er hat normale Augen und einen kleinen Mund. Sein Gesicht täuscht über die Schlichtheit seines Gemüts hinweg. Er sieht wunderschön aus.
Vor einem Jahr wurde Shanu Bhai zum Alkoholiker. Es gab kaum mal einen Tag in der Woche, an dem er nicht trank. Wenn ihn jemand fragte, warum er trinkt, machte er jede weitere Frage unmöglich, indem er sagte: "Das ist mein Leben, und das lebe ich, wie ich will." Jedes Gespräch mit Shanu Bhai über sein Alkoholprobblem war unmöglich. Wenn es jemand trotzdem weiter versuchte, schob er das Gesagte als die leere Rede eines Politikers beiseite. Und was Ammi betrifft - was konnte sie sagen? Ihre mütterliche Zuneigung und ihre Sorge um ihren Sohn bewirkte nur, daß sie nach Erklärungen für seinen Alkoholismus suchte. So würde sie sagen: "Mein Kind ist zu einfach. Er ist das Opfer einer Hexerei. Es gibt keine andere Erklärung dafür. Schließlich ist er der Sohn eines Mannes, der in seinem Leben noch nicht mal einen bidi geraucht hat."
Unsere zwei älteren Brüder waren sauer auf Shanu Bhai und sagten: "Er sollte aus dem Haus geworfen werden!" Wir vier Schwestern wollten das
gleiche. Wir hatten die Schnauze voll von Shanu Bhai. Er hatte es sich angewöhnt, mit allen Streit anzufangen, wenn er besoffen war. Aber Ammi wandte ein: "Nein! Ihr könnt mich nicht von meinem Kind trennen! Er wird nie in der Lage sein, für sich selbst zu sorgen. Man schneidet nicht einfach ein Körperteil ab, nur weil es entzündet ist!" Ich antwortete dann: "Aber Ammi, wenn ein entzündetes Körperteil den gesamten Körper krank macht, dann sollte man es amputieren!" Aber irgendwie wollte selbst ich nicht, daß Shanu Bhai von der Familie getrennt würde.
Ich werde niemals diese Nacht vergessen. Es war 10 Uhr. Shanu Bhai lag auf dem Dach, besoffen. Er rief laut: "Ammi! Ammi! Schick Tabassum her!" Ich machte meine Schularbeiten. Als ich ihn hörte, fühlte ich mich verunsichert und verängstigt.
Aber Ammi sagte, "Geh und schau, warum er nach Dir ruft."
Ich antwortete, "Was? Was hast Du gesagt? Ich soll raufgehen? Wow, das ist ja super! Warum fragst Du ihn nicht selbst?!"
Ammi sagte, "Geh' mein Kind."
"Ich gehe nicht." sagte ich.
Als Ammi darauf bestand, nahm ich etwas Mut zusammen und ging hoch. Ich hatte Angst, weil ich fürchtete, Bhai würde mich schlagen, in seinem Suff. Ich blieb an der Treppe stehen und fragte, "Was ist los?". Bhai sagte, "Komm her!". Ich sagte, "Sag, was immer Du zu sagen hast. Ich gehe keine Schritt weg von hier."
"Komm her!" sagte er.
Als er drei oder viermal darauf beharrt hatte, ging ich rüber. Er sagte, "Tabassum, fürchtest Du Dich vor mir? Weißt Du nicht, was Du mir bedeutest?"
Ich dachte, er würde anfangen herum zu labern. Ich fragte scharf: "Was wohl?!"
"Du bist... Du bist..."
"Ja, was?!" Mein weitaufgerissenen Augen waren gespannt, was er sagen würde.
Er sagte, "Jaa, Du bist... Du bist... weißt Du... Du bist... ein Teil meines Herzens. In der ganzen Familie fühle ich mich Dir am nächsten."
Was er sagte, berührte mich. Ich setzte mich an seine Seite. Sein Essen lag neben ihm, unberührt. Ich sagte, "Bhai, hast Du nichts gegessen?" Er sagte, "Weißt du, als Du jünger warst, habe ich immer das Brot in kleine Stücke zerteilt und eins nach dem anderen mit meinen Händen in Deinen Mund geschoben. Kannst Du mich jetzt nicht füttern?"
Ich dachte, "Er ist guter Laune. Sollte ich nicht die Gelegenheit nutzen und ihn auf das Trinken ansprechen?" Ich sagte, "Bhai, darf ich Dich was fragen? Warum trinkst Du?"
Bhai schlug seinen Kopf gegen den Sitz und sagte, "Da haben wir's! Du redest genau wie alle anderen." Ich wurde still und brach ein Stück vom Brot ab, schob es ihm in den Mund. Ich konnte ihn nicht weiter fragen. Plötzlich brach Bhai in Tränen aus. Er heulte. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Ich verstand nicht, warum er weinte. Ich fragte ihn, was los sei. Nachdem er lange geweint hatte, sagte er, "Tabassum, ich bin in eine Frau verliebt. Ich habe ihr von meiner Liebe erzählt, aber sie sagt, daß sie meine Gefühle nicht erwiedert. Und weißt Du, warum? Weißt Du, warum? Weil ich nicht lesen kann." Dann schrie er, "Was kann ich dafür? Ist es meine Schuld, daß ich nicht lesen kann?" Und er hämmerte mit seinen Fäusten auf den Sitz. Der Lärm den er machte, hätte zuviel Aufmerksamkeit erregt. Unter Schwierigkeiten brachte ich ihn zur Ruhe. Ich versank selbst in Erinnerungen.
Ammi hatte mir Geschichten von Shanu Bhai erzählt. Als meine Familie nach Delhi ausgewandert war, war Bhai zehn oder zwölf Jahre alt, und ging in die fünfte Klasse. Wir hatten sehr wenig Geld, und deshalb begann er zu arbeiten, um etwas zum Familieneinkommen beizusteuern. Er sammelte Laub und lief von Dilli Gate bis Shakapur, mit einem Bündel unterm Arm, um Ziegen zu füttern. Wenn ich daran denke, zerreißt es mein Herz. Er hat soviel Verantwortung für die Familie getragen - in einem Alter, als er mit anderen Kindern hätte spielen sollen. Ammi erinnert sich daran mit schmerzvollem Herzen und Tränen in den Augen. Bhai hatte die fünfte Klasse abgschlossen, aber Ammi hatte die fünfhundert Rupees nicht, um das nächste Schuljahr zu bezahlen. Und so hörte die schulische Ausbildung auf. Vielleicht erinnert sich Bhai auch voller Schmerzen an diese Tage.
Es war nur Bhai's Alkoholabhängigkeit, die Sorgen machte. Ansonsten benahm sich Bhai sehr gut und hatte eine nette Art. Er war nicht nur ein Bruder für uns Schwestern, sondern auch ein Freund.
Aber seit den letzten zwei Monaten scheint es so, als hätten wir Bhai für immer verloren. Ich weiß nicht wie, aber sein Gehirn ist plötzlich sehr chwach geworden. Er sagt seltsame Sachen. Er zieht die ganze Nacht umher. Er spricht laut aus, worüber niemand auch nur nachdenkt. Sein Gesicht hat sich verändert. Es ist kein fröhliches Gesicht mehr, sondern ein niedergeschlagenes und trauriges. Seine Augen haben das Funkeln verloren, und sie scheinen jetzt immer nach etwas zu suchen. Seine Fragen sind nicht mehr frech, sondern voller unausgesprochener Fragen. Es macht mich traurig, ihn zu sehen. Ich kann nicht aufhören zu denken, "Warum ist das meinem Bruder passiert?"
Wenn ich über sein betäubendes Schweigen nachdenke, will ich schreien, "Ich will diesen ruhigen Shanu nicht. Ich will Shanu Bhai, der uns geärgert hat und uns Probleme gemacht hat, zurück. Ich will ihn zurück."
Text 11
Spaß und Feuer hinterm Schleier
Am neunten Juni, auf dem Weg durch die Strassen von Dakshinpuri, dachte ich mir was aus.
Ich sagte zu Shahana, "Ich habe Lust mein Gesicht hinterm Schleier zu verbergen beim Gehen". Es ist etwas, wozu Frauen manchmal gezwungen werden. Meine Dupatta zurechtrückend, verbarg ich meinen Kopf mit einem langen Schleier. Jetzt konnte niemand mein Gesicht sehen. Aber ich konnte alle sehr gut sehen. Shahana trug Hosen und ein T-Shirt. Und ich trug schicke Pajamas mit Schlag, am Bein mit Verzierungen bestickt.
Wir liefen weiter, vertieft in unsere eigene Welt, zur Strasse draußen. Einige Frauen, die an der Strasse saßen, sahen uns mit großem Interesse an. Sie hatten uns vorher kaum bemerkt, niemals! Ich dachte mir, daß wir etwas seltsames geschafft hätten. Wir erreichten die Bushaltestelle draußen, und unterhielten uns. Und dann nahmen wir den RTV Bus.
Während dessen saß mein Schleier genau wie ich es wollte. Ich hatte den Schleier weder nach oben noch nach unten rutschen lassen. Wir setzten uns beide auf die lange Bank des RTV. Es waren mehr Männer als Frauen drin. Ich glaube es waren nur zwei oder drei Frauen da. Ich war im Zentrum der Aufmerksamkeit von allen. Niemand konnte mich sehen, aber ich sah mir alle mir großem Interesse an.
Ihre Augen waren voller Neugier. Sie suchten nach etwas. Vielleicht mein Gesicht, daß in der Dunkelheit meiner grauen Baumwoll-Dupatta verloren gegangen war. Dies wäre vielleicht nicht passiert, wenn ich den Bus ohne Schleier betreten hätte.
Zwei Männer saßen direkt vor mir. Sie müssen 25-26 Jahre alt gewesen sein. Sie drehten immer wieder ihre Köpfe von einer zur anderen Seite und fingen dann an, mich anzusehen. Sie sahen sich auch meine Hände und Füße an, überrascht. Es war eine seltsame Unruhe in ihnen. Aber mir machte es Spaß. Es ging um nichts als verspielten Übermut.
Und eine unbenanntes Glück, das in mir anschwoll.
Wir stiegen an unserer Bushaltestelle aus, in Pushpa Vihar. Die Blicke der Leute im Bus folgten uns immer noch voller Begehren, dieses unbekannte, ungewohnte Objekt sehen zu wollen.
Nachdem der Bus verschwunden war, nahm ich den Schleier runter. Und, als ich Shahana ansah, fing ich an zu lachen. Ich sagte: "Das macht so einen Spaß!"
Es liegt ein andersartiges Glück darin, mit Fremden zu spielen.
Ich dachte mir, "Ich muss den Leuten im Bus definitiv etwas zu denken gegeben haben:
Ist sie verheiratet, oder nicht?
So modern, aber trotzdem hat sie ihr Gesicht verborgen?
Keine Armreifen am Handgelenk, keine Ringe an den Zehen, warum dann ein Schleier?
Hat sie vielleicht ein hässliches Mal im Gesicht?
So schöne Hände und Füße! Wie mag bloß ihr Gesicht aussehen?"
Ich hatte soviel Spaß heute! Weil ich heute über nichts neues nachgedacht habe, aber andere dazu gebracht habe nachzudenken. Durch mein Dasein, habe ich Fragen in ihrem Geist aufgeworfen, und es ihnen überlassen, selbst eine Antwort zu finden. Jedenfalls, das ist, was ich denke. Es ist möglich, daß sie gar nichts gedacht haben!
Zu Haus trank ich kaltes Wasser. Und ich lächelte als ich über all das nachdachte. Als meine Schwester Lakshmi mein Lächeln sah, fragte sie: "Was ist passiert? Warum grinst Du vor Dich hin?" Ich erzählte Lakshmi die ganze Geschichte. Ich war sicher sie würde lachen. Aber statt zu lachen sah sie mich genau an. Und sagte, "Also das findest du witzig? Aber dieser Witz könnte die Häuser von Leuten in Flammen setzen!"
Ich fragte: "Wieso?". Ich war überrascht über das, was sie gesagt hatte. Mich anguckend sagte sie, "Das müssen nicht alles Junggesellen gewesen sein. Einige von denen waren bestimmt verheiratet. Sicher müssen einige ihrer Frauen das Gesicht bedecken und andere müssen ständig streiten, daß sie ihr Gesicht bedecken sollen. Werden die Männer, die sich darüber mit ihren Frauen streiten, jetzt nicht zu ihnen sagen: 'Wenn eine moderne Frau, die sich außerhalb des Hauses bewegt, einen Schleier trägt, warum bedeckst Du Dein Gesicht nicht im Haus?'. Darauf werden die Frauen sagen: 'Wenn Du Bus fährst, starrst Du die Frauen anderer Leute an?'. Die Männer werden stur bei ihrer Meinung bleiben, und Du wirst in ihren Häusern anwesend sein, sogar in Deiner Abwesenheit".
Ich sah sie aufmerksam an und sagte: "Aber warum sollte das passieren?" Meine Frage zurückgebend, sagte sie: "Aber was, wenn es passiert?".
Sie ging ins andere Zimmer um die Töpfe abzuwaschen.
Eigentlich war das nicht so eine große Sache, aber jetzt fühlte ich mich schuldig. Ich fühlte mich als wäre ein Maulwurfshügel in einen Berg verwandelt worden.
Für mich war es nur ein lustiger Witz. Ein Witz, den ich ausgesprochen hatte, aber bei dem ich nicht bedacht hatte, wie er andere treffen würde...
Text 12
Warum?
"Warum?" sind Worte die wir oft benutzen im Leben. Manchmal machen sie uns auf falsches Verhalten aufmerksam, und manchmal sorgen sie dafür, daß wir etwas Falsches unterlassen. Manchmal zeigen sie uns die Verrücktheiten unseres Denkens auf, und manchmal sorgen sie dafür, daß wir über unsere Gedanken nachdenken. Also laßt mich euch erzählen, von einem Fehler, den ich gemacht habe. Wenn ich an diesen Fehler denke, lache ich manchmal, und dann bin ich wieder sauer auf mich.
Es passierte vor einiger Zeit. Ein Junge arbeitete in einem kleinen Laden. Es war ein neuer Telefonladen für Fern- und Ortsgespräche. Eigentlich war der Laden zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig fertig. Der Rahmen und die Struktur der Zelle standen da, aber die Glasscheiben waren noch nicht eingebaut. Alles was es gab, waren zwei Telefone und ein Gerät für die Regionalverbindungen. Und natürlich der kleine, gutgelaunte Junge, der dort arbeitete. Ein Junge, der, selbst während er da arbeitete, mit allen Leuten über Möglichkeiten andere Jobs zu machen, sprach. Er war ziemlich schlau. Trotzdem wurde er eines Tages betrogen. Vielleicht wurde er betrogen, weil er Leuten zu leicht vertraute. Und weil er wirklich einen anderen Job brauchte.
Nun fragt ihr euch sicher, wer dieser Junge war, und warum ich soviel über ihn weiß? Dieser Junge bin ich. Deshalb spreche ich so vertraut von ihm. Eine Frau kam sehr häufig zu dem Laden, und hatte viele Telefonate von da. Sie behauptete, daß sie im Ram Manohar Krankenhaus arbeite. Ich fragte sie häufig, ob sie mir dort einen Job besorgen könnte. Und sie versprach, sie werde mir behilflich sein.
Nun beginnt die Geschichte meiner Doofheit. Der Name der Frau war Rani. Sie war klein und dunkel, aber sie war sehr schlau. Ich erinnere mich noch immer an den Tag als sie kam und sagte:
Rani: Sonu, Du hast mich also nach einem Job gefragt? Komm, laß mich ein Formular für Dich ausfüllen. Aber es wird Dich was kosten.
Als ich das hörte, war ich etwas aufgeregt. Mein Herz sagte, dies wäre meine große Chance, aber auch mein Herz war etwas unsicher. Ich war besorgt, sie würde mit meinem Geld weglaufen. Nervös wandte ich mich an sie:
Ich sagte: Madam, wieviel wird es kosten?
Rani: Sieh mal mein Sohn, dies ist ein Regierungsjob. Das kostet viel. Also denk drüber nach ob Du den haben willst oder nicht. Im Moment kostet Dich das 500 Rupees. Wieviel du später ausspucken musst, werden wir sehen.
Ich sagte: O.k. Madam, ich bring das Geld morgen mit.
Ich hatte Arbeit damals. Also gab ich ihr die fünfhundert Rupees. Aber die ganze Nacht dachte ich: "Was, wenn mein Geld weg ist, und ich ohne zurückbleibe?". Zuhause erzählte ich niemand davon, denn ich war sicher mein Vater würde mich davon zurückhalten. Er sagt: "Niemand besorgt Dir einen Job, sie rennen alle mit deinem Geld weg." Die Worte meines Vaters setzten sich in meinem Herz fest. Ich dachte: "Warum habe ich ihr Geld gegeben? Warum?" Die Frage brachte mich dazu, neu zu überdenken, was ich da gemacht hatte.
Nachdem ich ihr das Geld gegeben hatte, sahen Madam und ich uns nur von weitem. Ich fragte sie jeden Tag: "Madam, wann bekomme ich meinen Job?" Sie antwortete: "Es dauert noch etwas." Dann hörten unsere Unterhaltungen eine Weile lang auf. Nach einem weiteren Monat sprach sie mich schließlich an.
Rani: Sonu, nimm Dir morgen frei.
Ich sagte: Warum, Madam?
Rani: Du musst morgen in mein Büro kommen. Ich habe mit meinem Vorgesetzten über Dich gesprochen. Er hat sich nach Dir erkundigt.
Ich sagte: Madam, wie heißt Ihr Vorgesetzter?
Rani: Sein Name ist Dipak. Er ist ein sehr netter Mensch. Sprich höflich mit ihm. Er wird sich definitiv um Dich kümmern.
Ich sagte: Natürlich Madam. Ich will ihn so gerne treffen. Madam, bitte besorgen sie mir einen Job.
Ich war sehr glücklich. Ich dachte: "Meine Anstrengungen tragen Früchte. Ich werde bestimmt erfolgreich sein." Ich erträumte mit allerhand für mich. Denn noch wußte ich nicht, was am nächsten Tag geschehen würde.
Als ich ins Büro kam, traf ich einen Mann, der... nicht im geringsten wie ein großer Boss aussah, nicht mal wie ein Wachmann. Er sah schmutzig aus. Er war klein und dunkel, und trug Hosen die an ihm klebten, und ein schmieriges Hemd. Ich hatte erwartet, daß er sauber und ordentlich sein würde, daß er aus einem Auto aussteigen würde, und sagen würde: "Sonu, wie geht es Dir?". Stattdessen sagte er: "Also Du bist Sonu.".
Ich sagte: Guten Tag, Sir, Madam hat mir von Ihnen erzählt.
Herr Dipak: Hör zu Sonu. Dein Job wird eingefädelt werden. Aber es wird dich 10.000 Rupees kosten.
Als ich "Zehntausend" hörte, durchzuckte ein Blitz meine Ohren, und ich dachte: "Warum? Warum ich? Warum sprechen alle Leute mit mir ausschließlich über Geld?". Aber ich brauchte den Job, also sagte ich ohne nachzudenken:
Ich sagte: Sir, Zehntausend ist etwas viel. Ich bin ein armer Junge. Wie soll ich an soviel Geld kommen?
Aber er gab nicht nach, und sagte:
Herr Dipak: Hör zu, Freundchen. Das liegt nicht in unseren Händen. Wir müssen eine Menge Leute bezahlen, auf dem Weg. Sieh mal, es wird Dich soviel kosten. Den Rest kannst Du Dir denken. Wenn Du den Job willst, wirst Du soviel bezahlen müssen.
Als ich das gehört hatte, verschwand ich und sagte zu Madam:
Ich sagte: Madam, es kostet zuviel. Geht das nicht etwas billiger?
Rani: Nein, mein Sohn, es geht nicht anders. Soviel kostet das nun einmal. Manche Leute sind bereit Hunderttausend für diesen Job zu zahlen. Und du zahlst nur Zehntausend!
Ich sagte: O.k. Madam, ich besorge das Geld morgen.
Mit diesen Worten machte ich mich auf den Heimweg. Auf dem Weg grübelte ich, wie ich soviel Geld zusammen kriegen könnte. Nun müsste ich allen zuhause alles erzählen. Aber dann dachte ich: bloß nicht! Ich konnte zu Hause unmöglich davon erzählen! Ich werde mein eigenes Geld dafür hergeben. Vielleicht war das Geld, das meine Großmutter mir mal gegeben hatte, dafür gedacht. Doch was geschah dann! Der nächste Tag kam rasend schnell. Ich ging in meinen Laden am nächsten Morgen. Ich sah Madam aus der Ferne näherkommen. Sie kam und sagte:
Rani: Was ist passiert Sohn? Hast Du das Geld bekommen?
Ich sagte: Ja, Madam. Ich habe das Geld mitgebracht. Aber Madam, wie lange wird es dauern?
Rani: Nur zwei Tage, betrachte die Sache als erledigt.
Nun, zwei Tage später ging ich zum Krankenhaus. Herr Dipak nahm meine Maße auf und sagte:
Herr Dipak: Also lieber Sonu, die Sache ist so gut wie geritzt.
Mein Herz hüpfte in die Luft als ich das hörte, und ich ging Heim, lachend. Ich war wirklich glücklich an dem Tag. Nach einer Woche wurde ich angerufen. Mir wurde gesagt, alles sei bis dahin erledigt.
An dem entsprechenden Tag stand ich früh auf, badete und machte mich fertig. Meine Familie fragte, wohin ich ginge. Aber ich sagte ihnen kein Wort und machte mich auf den Weg zum Krankenhaus. Ich kam um Neun beim Krankenhaus an, wie mir Madam aufgetragen hatte. Sie hatte gesagt, sie würde auch da sein.
Wie ein Verrückter wartete ich auf sie. Aber sie kam nicht. Dann ging ich dahin, wo meine Maße genommen worden waren, aber da war niemand. Vier Stunden verstrichen. Aber kein Zeichen von Madam Rani. Ich ging auf und ab. Mein Herz sagte mir: "Sie ist weg, sie ist verschwunden.". Dann wurde ich müde und setzte mich irgendwo hin. Zwei Jungen saßen neben mir. Sie sahen ziemlich besorgt aus und sagten immer wieder: "Sie kommt nicht mehr." Dann sprach ich sie an:
Ich sagte: Was ist passiert Freunde? Ihr seht besorgt aus.
Darauf sagte einer von ihnen (der von den beiden, der sorgenvoller aussah): Nichts weiter. Eine Frau hat mich betrogen. Sie hat mich heute angerufen. Sie sagte sie würde einen Job für mich arrangieren. Aber sie hat mich ausgetrickst.
Als ich das hörte, sagte ich: Du hast ihr keine Geld gegeben, oder?
Der Junge sagte: 15.000, Mann. Ihr Name ist Rani.
Als ich das hörte, fing ich an zu lachen. Das machte ihn noch trauriger und er sagte:
Der Junge sagte: Hey Mann, mir sind gerade 15.000 geklaut worden und Du lachst!
Ich sagte: Tut mir leid, ich lach' nicht über Dich. Ich lache, weil sich herausstellt, daß ich nicht der einzige Idiot der Welt bin. Mir geht's so wie Dir. Ich habe ihr auch Geld gegeben. Sie wird bestimmt nicht kommen.
Dann fragten wir uns gegenseitig über Details unserer Dummheit aus. Aber während wir uns unterhielten, dachte ich: Warum? Warum ich? Warum bloß? Lachend und traurig ging ich fort.
Ich habe Madam Rani danach nie wieder getroffen. Und habe auch nie wieder was von Dipak gehört. Aber eine Frage verlässt mich nie:
Warum habe ich das gemacht? Warum habe ich das nur gemacht?
Text 13
Der Generator
Das hier ist aus der Zeit des World Cups. Ich erinnere mich nicht an das Datum, aber ich erinnere mich, daß es während des Ausscheidungsspiels zwischen Indien und Pakistan war. Zu der Zeit kümmerte ich mich um meinen Laden. Das Spiel sollte nachmittags um 10 vor 3 anfangen. Alle Leute vom Markt waren gespannt. Schließlich fing das Spiel an. Ich hörte mit meiner Arbeit auf und sagte den Handwerkern sie sollten mich rufen, falls ein Kunde käme. Dann ging ich hoch in mein Haus und fing an das Spiel zu gucken. Indien durfte wählen, entschied, mit dem batten anzufangen, und lag nach der ersten Runde 227 runs vor Pakistan.
Indien war fertig mit batten, das Spiel würde in einer halben Stunde weitergehen. Ich dachte, warum nicht runtergehen und etwas im Laden rumsitzen. Ich ging runter. Sobald ich unten war, fiel der Strom aus. Alle sagten, sicher kommt der Strom gleich wieder. Ich dachte - was wenn nicht? Ich werde den Generator anwerfen und das Spiel gucken! Dann kam Raju's Vater und sagte: "Chintu, hol den Generator aus Deinem Laden und bring ihn zu mir rüber. Wir setzen uns alle zusammen und gucken das Spiel." Zu der Zeit hatte Raju's Vater den Fernseher in seinem Laden. Ich sagte: "Onkel, mein Generator braucht Benzin und ist völlig leer." Er sagte: "Kein Problem, laß uns alle Geld zusammenwerfen und Benzin holen." Es waren noch 3 oder 4 Leute da und alle warfen Geld zusammen und gaben es mir.
Es war noch 10 Minuten bis zur zweiten Hälfte, und in der ganzen Gegend waren immer noch die Lichter aus. Raju's Vater sagte: "Geh und hol das Benzin." Nachdem ich das Geld einkassiert hatte sagte ich, "Gib mir eine Flasche oder eine Dose, wenn eine rumsteht." Sie sagten, alles steht irgendwo herum, wir finden die nicht in der Dunkelheit.
Mein Blick fiel auf eine Wasserflasche die im Laden rumlag. Ich leerte sie aus, trat mein Moped an, und sagte meinem Schmied beim wegfahren, daß er den Generator rausbringen solle. Ich wurde ziemlich aufgeregt. Ich fuhr schnell, kaufte rasch das Benzin und kehrte zurück. Der Schmied hatte den Generator rausgestellt. Alle warteten auf mich. Wie eine Hochzeitsprozession die auf den Bräutigam wartet! Ich parkte das Moped, ließ den Generator in Raju's Laden rüberbringen. Ich füllte einen Liter Benzin rein und bewahrte den Rest in meinem Laden auf. Dann zog Raju's Vater den Anlasser und der Generator fing an zu laufen. Alle freuten sich lauthals. Ich schloss den Fernseher an den Generator an. Der Strom war immer noch nicht wieder da. Eine Menge hatte sich in Raju's Laden versammelt. Jetzt setzte ich mich auch dazu, und schaute das Spiel. Pakistan hatte zwei wickets verloren nach sechs overs, und hatte 30 Runs geholt. Alle jubelten; ich denke, auch ich schrie vor Freude.
Ich war durstig. Ich lief schnell rüber in meinen Laden. Mein Geist war so sehr vom Spiel eingenommen, daß ich der Welt gegenüber sehr blind war. Alle Handwerker saßen im Laden. Ich ging schnell und trank etwa einen halben Liter Benzin aus der Flasche die da rumlag. Ich war so durstig, daß in meinen Augen alles wie Wasser aussah! Ich trank weiter. Plötzlich kam mir der Gedanke, daß ich womöglich gerade Benzin getrunken hatte. Ich sah mir die Flasche an - und es war tatsächlich Benzin! Ich merkte aber noch nichts von der Wirkung.
Es war nach 9 Uhr abends. Ich hatte Indien das Spiel gegen Pakistan gewinnen sehen. Ich schloss den Laden und ging hoch. Es ging mir gut. Dann plötzlich roch ich Benzingeruch in meinem Atem. Ich trank Wasser und erzählte allen zuhause, daß ich Benzin getrunken hatte, und daß ich gedacht hatte, es sei Wasser.
Papa sagte, aber du siehst o.k. aus, dir ist absolut nichts passiert. Mammi sagte, ich solle den Abwasch machen. "Ich mach dir was zu essen". Ich dachte, Essen würde den Geruch überdecken. Mammi brachte Essen, und ich aß es. Nach dem Essen ging ich rauf schlafen. Als ich die Treppen hochstieg, rülpste ich Benzin. Meine Schwester kochte Milch in der Küche. Ich ging schnell von der Flamme weg. Was, wenn mein Mund Feuer gefangen hätte!?
Ich legte mich auf die Matratze. Es war nach 10 Uhr nachts. Meine Schwester war fertig mit dem Milchaufkochen und kam ins Zimmer. Sie sagte: "Riechst du das Benzin?" Ich erzählte ihr, was mir passiert war. Sie sagte mir, ich solle Wasser trinken, und das würde dann schon gut. Sie ging fernsehen. Ich begann zu denken, ich ersticke. Ich rannte runter und bat darum, zum Arzt gebracht zu werden, weil ich mich krank fü'9fhle.
Papa und Mammi brachten mich schnell zu Dr. Amrit's Laden, der in der Strasse draußen ist. Raju's Vater kam auch mit. Ich sagte, ich glaube nicht, daß ich das überlebe. Der Arzt fragte Papa was passiert war. Papa sagte, daß ich Benzin getrunken hätte, im Glauben es sei Wasser. Der Arzt sagte: "Das ist ein Fall für die Polizei! Aller Wahrscheinlichkeit nach, ist dies eine Herzensangelegenheit. Vielleicht hat er Benzin getrunken - aus Liebe zu jemand!" Alle sagten, nein, darum geht es hier nicht. Mein Zustand wurde schlimmer. Nach einigem hin und her gab mir der Arzt endlich die Medizin und sagte: "Es ist immer noch Zeit. Sag mir die Wahrheit: Hast Du Benzin getrunken weil Du verknallt bist?" Ich beharrte: "Nein, nein!" Dann endlich konnten wir da raus. Nach unserer Heimkehr nahm ich die Medizin und ging schlafen.
Sogar heute noch erinnere ich mich, immer wenn ich Benzin sehe, an diese Zeit.
Ich sehe alles vor mir, aber voller Liebe!
Text 14
Das Kabel
Ich erinnere mich an einige Sachen aus der Zeit als wir noch einen Schwarz-Weiss-Fernseher hatten. Das war 1994. Als wir den Fernseher anschafften, muss es gerade mit dem Kabelfernsehen losgegangen sein. Zu der Zeit hatte ich vielleicht noch nicht genug Übersicht um auf die Idee zu kommen, daß wir Kabelanschluss kriegen könnten. Der Fernseher stand in einem Raum im ersten Stock des Hauses.
Einmal saß ich allein da und sah fern. Zu der Zeit hatten Schwarz-Weiss-Fernseher keine Fernbedienung, heute haben sie das vielleicht. So allein dasitzend, dachte ich, warum dreh ich nicht etwas an den Kanälen rum. Ich dachte, wenn ein Transistorradio Radiowellen und UKW-Frequenzen empfängt, vielleicht empfängt der Fernseher dann auch ein paar Kabelkanäle? Ich probierte und drehte an der Skala und kriegte tatsächlich einen Kabelkanal, der Filme zeigte. Ich dachte - warum nicht ein bisschen an der Antenne rumspielen, vielleicht wird das Bild besser? Aber das Bild änderte sich nicht. Ich dachte: etwas muss geschehen, damit ich Kabelkanäle sehen kann. Der Satellitenschüssel des Kabeltypen war nur ein paar Schritte entfernt. Die Drähte waren an einen Strommast vor dem Haus festgemacht. Alles was mich von ihnen trennte, waren die Stromkabel, die an den Mast gebunden waren, und die Breite der Gasse. Ich warf einen Blick über die Häuserdächer am Markt: Leute hatten einen Lautsprecher, eine Fahrradfelge und einen Magnet an ihre Antennen auf dem Dach angeschlossen.
Ich dachte, ich muss etwas tun. Ich ging zum Schrotthändler in meiner Strasse und kaufte eine Fahrradfelge. Dann ging ich auf mein Dach, nahm den Draht von der Antenne ab und knotete ihn an die Felge. In der Wohnung sah ich, daß der Kabelkanal klar war. Als Mammi zurück kam vom Gemüseeinkauf, war sie überrascht, einen neuen Film im Fernsehen zu sehen. Sie fragte mich: "Läuft da einer neuer Film im Fernsehen?" Ich sagte, ich habe das hingekriegt, mit meinem Gehirn. Mammi sagte: "Was hast Du gemacht?" Ich sagte ihr, geh nach oben und sieh es Dir mit eigenen Augen an. Mammi ging leise nach oben und entfernte die Felge vom Antennenkabel. Ich dachte es gäbe ein Problem bei der Sendeanlage. Mammi kam runter und sagte: "Geh und bring diese Felge dahin zurück, wo Du sie her hast." ich fragte sie, warum sie sie abgemacht hat. Mammi sagte: "Wenn Dein Vater heute vom Dienst zurück ist, werden wir uns Kabelanschluss besorgen." Ich antwortete mit einem o.k..
Papa kam am Abend zurück. Ich bat ihn, eine Kabelverbindung zu besorgen. Er sagte, er werde es morgen erledigen. Aber ich war rastlos, und wollte unbedingt Kabelanschluss. Ich schmuggelte Raju ins Haus und begann einen neuen Plan auszuhecken.
Und so machten wir es: ich nahm das Antennenkabel, machte die Isolierung ab, und zog die Kabelstränge raus, einen nach dem anderen. Ich sagte Raju: "Ich zieh die Isolierung ab, und Du rollst die Kabel auf." Zwei Stunden vergingen. Wir schätzten, daß die Länge des Kabels jetzt ausreichen würde um rüber zu kommen. Ich sagte zu Raju: "Du stellst Dich aufs Dach gegenüber und wirfst zwei kleine Steine rüber ins Fenster."
Ich war im zweiten Stock, und direkt unter mir war das Stromkabel. Raju warf die Steine rüber. Ich band die mikroskopisch dünnen Drähte, die ich rausgeschält hatte, an diese Steine. Dann warf ich sie rüber. Aber sie verhedderten sich mit meiner Hand und landeten direkt auf dem Stromkabel. Was für einen Stromschlag ich abbekam! Eine Sekunde lang dachte ich, ich sei tot und auf dem Weg zum Himmel. Aber ich gab nicht auf, und warf den Draht noch einmal. Raju war schnell. Er schnappte sie und riss sofort die Arme hoch. Ich lief rüber auf das Dach, und schloss sie einfach an den Kabelanschluss an. Ich kam Heim und sah, daß die Übertragung scharf und klar war.
Am nächsten Tag sagte Papa: "Besorg heute eine Kabelverbindung". Ich dachte: wer will schon jeden Monat 150 Rupees ausgeben. Ich sagte: "Laß es sein. Was soll das bringen?"
Text 15
Beziehungen
Wir haben unterschiedliche Beziehungen zu allen. Wir können sagen: "Ich liebe meine Familie". Das ist nur ein Satz. Wenn eine Familie aus zehn Personen besteht, haben wir ganz unterschiedliche Beziehungen zu jeder von ihnen. Manche sind sich ähnlich, andere sind unterschiedlich. Wenn wir Beziehungen einen Namen geben, wird die Sache einfacher. Zum Beispiel: zusammen leben, nicht miteinander nachtragend sein, Ansprüche aneinander stellen. Aber gibt der Name, den wir einer Beziehung geben, all das wieder, woraus sie besteht?
Die Namen für Beziehungen spannen uns ein, schon vor unserer Geburt. Aber sie zu zerstören, mit ihnen zu ringen und sie zu verstehen; sie zu verstehen und trotzdem zu missachten - all das versuchen wir in unseren Beziehungen selbst. Manchmal fließen Beziehungen, manchmal werden sie unbeweglich. Viele Beziehungen haben nicht mal einen Namen. Manchmal realisiert man gar nicht, daß ein Beziehung entstanden ist.
Laßt mich euch erzählen von einer solchen Beziehung, die wir zu einem Mädchen haben. Sie ist einen Meter groß, hat helle Haut, glatte Haare, die sie einölt, flicht, und mit einem roten Band hochbindet. In den letzten 8 oder 10 Tagen ist sie abends zu unserem Haus gekommen, wenn wir unseren Fernseher anschalten. Eigentlich ist unser Fernseher auch tagsüber an. Morgens um acht guckt mein Bruder Rehan eine Stunde lang den Cartoon Sender. Niemand darf dann umschalten: er sorgt dafür indem er zu schreien anfängt, falls es doch jemand versucht. Davon abgesehen, schlafen meine Schwester Shaziya, mein älterer Bruder Rizwan und ich um diese Zeit meist noch. Nur Rehan und meine Eltern sind wach. Rehan steht extra auf um fernzusehen. Wir wachen mit den Geräuschen der Cartoons auf, sie sind fast unser Wecker. Dann um 9:15 Uhr, schaltet Rizwan den Fernseher aus, und dreht seine Anlage auf. Er hört laute rhythmische Musik. Dann geht er zur Arbeit, etwa um Zehn.
Dann bin ich an der Reihe. Etwa eine halbe Stunde schaue ich Filmtrailer und Musikvideos an. Dann wird der Fernseher nachmittags angeschaltet. Meine Mutter sieht gerne Soap-Operas wie Kumkum, Bhabi und so weiter. Rehan sieht sich wiederum Zeichentrickfilme an von 2 bis 3 Uhr nachmittags. Auch dann hat wieder niemand die Möglichkeit umzuschalten. Wenn ich abends heimkomme, wird auch manchmal der Fernseher angeschaltet. Etwa wenn Shaziya eine Film anschaut. Dann wird der Fernseher um Sieben angeschaltet. Alle gucken Kumkum um Sieben. Um diese Zeit kehrt Papa auch von der Arbeit zurück. Er sieht gerne Alif Laila, und sieht sich Nachrichten auf Aaj Tak oder auf Star Channel an. Niemand kann umschalten, wenn Papa fernsieht. Aber heute hört Papa gerne das Lied Kaanta Laga. Aber alle mögen Shaka Laka Boom Boom. Um Acht ist es Zeit für Son Pari, Khichri, Krishna Arjun. Das sind Serien die Shaziya mag. Aber um halb Neun quengelt keiner, weil alle die Serie Kasauti gucken, die alle mögen.
(Das Mädchen kommt etwa um diese Zeit und steht vor unserer Tür. Während sie fernsieht, lächelt sie manchmal, und dann guckt sie wieder sehr ernst.) Star Plus läuft durch bis etwa halb Elf. Dann kommt Rizwan und schaltet auf Sony TV um, um die Horrorsendung Aahat zu sehen. Das macht mich wirklich sauer, denn ich sehe gern Saas bhi kabhi bahu thi.
In den letzten paar Tagen kommt das Mädchen pünktlich abends um Sieben zu unserem Haus.
Sie bleibt bis Elf, manchmal bis halb Zwölf. Wenn wir den Fernseher ausschalten, oder bei einem Stromausfall, geht sie weg.
Zunächst haben wir nichts zu ihr gesagt. Dann, nach drei oder vier Tagen, sagte meine Mutter: "Jetzt stellt euch doch mal vor, was für eine Mutter sie haben muss, die ihr erlaubt sich noch um die Uhrzeit rumzutreiben. Sogar unsere Jungs müssen um Zehn zu Haus sein. Wie achtlos muss sie sein?". Dann fragte Ammi sie, wo sie lebt. Sie sagte, sie lebt in Dulah's Gasse.
Wenn ich sie frage, ob sie reinkommen möchte, schüttelt sie ihren Kopf, als wolle sie sagen: "Ist schon in Ordnung hier." Dann, wenn Ammi sie fragt, kommt sie rein, aber sie sieht sehr nervös aus. Es scheint, als säße sie nicht auf festem Boden, sondern auf weicher Watte. Sie zieht dauernd ihre Kleider zurecht, aber ihre Augen bleiben auf den Fernseher fixiert. Während der Werbeunterbrechung schalten wir um, aber es scheint an ihr vorbei zu gehen. Sie ist völlig mit fernsehen beschäftigt, egal was ausgestrahlt wird.
Vor zwei oder drei Tagen brachte Papa Beeren mit. Es war halb Acht oder Viertel vor Neun abends. Shaziya, Ammi, Abbu und ich schauten Kasauti, und aßen die Beeren. Meine Brüder waren nicht daheim. Ammi bot ihr Beeren an. Als sie ablehnte, bestand Ammi darauf, und sie nahm welche. Jetzt spricht Ammi manchmal mit ihr. Was hat Deine Mutter heute gekocht? Wo ist Deine Mutter? In welcher Klasse bist Du...
Eine Beziehung ist entstanden zwischen dem Mädchen und uns, durch den Fernseher. Seifenopern und Serien fließen durch diese Beziehung, und darunter mischen sich Gefühle. Wir sprechen nicht viel miteinander. Nur Ammi und ich bitten sie manchmal herein und sprechen dann ein bisschen mit ihr. Wenn der Fernseher ausgeschaltet ist, kommt sie, sieht ihn an, dann wirft sie uns einen Blick zu. Da sind Fragen in ihren Augen mit denen sie uns zurück lässt.
Text 16
Wahnsinn
Wie wäre es, wenn die ganze Welt verrückt wäre? Alle wären sorgenfrei, angstlos. Und wenn es nebenbei keine Bäuche mehr gäbe, die gefüllt werden müssen - das wäre noch besser! denn dieser rücksichtslose Bauch macht, daß Menschen und Tiere alle möglichen Sachen anstellen. Aber neben dem Bedürfnis nach Essen, ist es auch das nach Ruhm und nach Reichtum. Wer will das nicht heutzutage! Die die das bekommen sind glücklich, und die die das nicht kriegen sind traurig.
Wie fällt eine Person aus den akzeptierten Grenzen unserer Gemeinschaft heraus? Sucht sie sich das aus, oder wird sie von uns ausgeschlossen? Wenn jemand sich der Norm entsprechend verhält, wird er gelobt. Und in dem Moment wo er etwas sagt, was nicht reinpasst, oder sich etwas anders als normal verhält, verlassen wir ihn. Wir machen uns lustig über Sachen die er in der Vergangenheit gemacht hat. Wir lachen über Sachen die ihm passiert sind. Wir verhalten uns wie Gandhi's drei Affen, die nichts sehen, nichts hören, und nicht sprechen. Das Motto ist: "Alles soll so bleiben, wie es ist. Wir wollen uns nur mal über was lustig machen."
Wir sind dauernd auf der Suchen nach Figuren, die wir benutzen können um unserem Leben Würze zu verleihen. Wir verknoten unsere Zunge, so sehr lästern wir über sie.
Was soll schlau daran sein, jemandes Gedanken auf diese Art über niedriger Hitze zu garen. Als wäre alles was wir denken fehlerfrei. Erst machen wir jemanden verächtlich, dann stellen wir Mitleid zur Schau.
Unser Gehirn brütet permanent den einen oder andere Gedanken aus. Das ist auch der Fall mit Leuten, die wir wahnsinnig nennen. Aber vielleicht werden die Leute verrückt genannt, deren Gesten das betrügen, was sie Denken. Wenn ich drüber nachdenke, kann uns niemand verrückt nennen, nur der Arzt. Und ich bin kein Arzt. Von den Zahllosen, die verrückt genannt werden, kann ich nur über die Wenigen sprechen, die ich kenne.
Vor einigen Jahren nahm ich Unterricht. Mit in meiner Klasse war ein Junge namens Satpal. Er war viel besser als ich im Unterricht. Wir arbeiteten sehr hart für unsere Zehnte Klasse Prüfung. Aber wir fielen beide durch! Wir lernten wieder fleißig. Wir übten eine und jede Frage aus dem Algebra-Buch, und überließen auch in Geometrie nichts dem Zufall. Trotz all dieser Anstrengungen mussten wir eine Nachprüfung in Mathematik machen. Was sollten wir tun? Es schien als hätte uns das Schicksal permanenten Gegenwind beschert. Ich dachte: "Junger Mann, wenn die Dinge sich weiter in diese Richtung entwickeln, sitzt du ganz schön in der Scheiße!" Während der Prüfungen arbeitete ich deshalb kürzer, und machte häufige Pausen um meinem Geist etwas Ruhe zu geben.
Am Tag der Prüfung traf ich Satpal, wir begrüßten uns und setzten uns auf unsere Plätze. Die Ergebnisse kamen. Obwohl ich es nur knapp geschafft hatte, war meine Freude über die bestandene Prüfung riesig.
Ich traf Satpal heute, viele Tage später. Er stand am Strassenrand. Er rechnete mit seinen Fingern. Ich ging vorbei, und schaute ihn an. Ich sagte: "Hey, was machst du denn da?" Er antwortete: "Ja, ich hab heute eine Prüfung. Rakesh, laß uns hingehen, sonst kommen wir zu spät." Lachend sagte ich: "Welche Prüfung, Mann?". Satpal sagte: "Mathematik".
Ungläubig sagte ich: "Worüber redest Du Satpal! Unsere Prüfungen waren vor langer Zeit. Wir haben schon November. Bist Du verrückt geworden?". Satpal sagte: "Nein Rakesh. Ich bin nicht verrückt. Ich gehe jedenfalls hin. Komm mit wenn Du willst. Schau mal, ich habe meinen Schulausweis mit." Ich sagte ihm: "Ich verstehe nicht wovon Du redest." Kaum hatte ich das ausgesprochen, als seine Mutter vorbeikam. Sie nahm mich beiseite und sagte: "Sieh mal. Er steht völlig unter Schock, weil er nicht bestanden hat. Deshalb erzählt er diese seltsamen Sachen. Seit er durchgefallen ist, war er schon drei oder viermal so. Er rechnet immer irgendwas. Und er schlägt sinnlos Bücher auf und lernt. Er sagt immer wieder, bei der Prüfung werde er 80% der Punkte bekommen. Sogar seine Ärzte haben gesagt, daß er die beste Behandlung nur zu Hause bekommen kann. Alle sollten einfach mit ihm einverstanden sein und allem zustimmen was er sagt."
Ich war aufgewühlt von den Sachen die Satpal's Mutter mir erzählt hatte. Wie konnte ein Junge, der in der Schule so brilliant gewesen war verrückt werden? Er erkennt mich noch wieder, und er erinnert sich an Sachen die wir in der Vergangenheit zusammen gemacht haben. Können wir diesen Jungen wirklich verrückt nennen?
Vor einigen Tagen, auf der Suche nach "Wahnsinn" erreichte ich das Haus meiner Tante. Sie erzählte von einem Mann, der einen Universitätsabschluss hat, und dem es auch finanziell gut geht. Er besitzt fünf Wohnungen in Chirag Dilli. Er geht nie nach Hause, und ist recht glücklich, allein zu sein. Meine Tante sagte mir, er ziehe sich seltsam an. Er trägt Kurze Hosen mit einem Mantel. Wenn er an einem Fuß eine Sandale trägt, dann trägt er einen Schnürschuh am anderen. Und er schlingt ein Seil statt eines Gürtels durch seine Hosen. Er trägt eine Schwarze Kappe auf dem Kopf, und trägt eine schwarze Tasche über der Schulter. Und er hält einige Blätter Papier und einen Stift in der Hand. Den ganzen Tag läuft er rum und denkt über verschiedene Sachen nach. Eine Sache, die besonders ist an ihm, ist, daß er aus dem nichts heraus, Passanten anhält und sie ausfragt.
Dann geht er wieder seiner eigenen Arbeit nach. Manchmal trägt er alte abgetragene Sachen, an anderen Tagen saubere und frische. Was auch immer in seinem Kopf vorgeht, er lässt es die Leute in seiner Umgebung wissen. Er hat nie jemandem weh getan, oder irgendwem einen Schaden verursacht. Alles, was man wirklich über ihn sagen kann, ist, daß er glücklich ist allein zu sein. Macht ihn das verrückt?
Da gibt es noch einen Mann wie ihn. Man kann ihn häufig in Dakshanpuri sehen. Ich kenne seinen wirklichen Namen nicht, aber alle nennen ihn Amitabh Bachchan. Und zwar weil er immer schauspielt! Und besonders liebt er es, Amitabh darzustellen. Wir freuen uns sehr über seine Auftritte! Er ist sehr unterhaltsam. Und am lustigsten ist es, wenn er sich vom Schauspieler in den Regisseur verwandelt! Als Regisseur erzeugt er eine Filmset- Atmosphäre, indem er sagt: "Licht! Kamera! Action!" Wann immer ich an ihn denke, kann ich mir nicht helfen, ich muss an sein Schauspieltalent denken. Weil er alle so gut unterhält, geben ihm die Leute Fünf bis Zehn Rupees, und er freut sich sehr über diese Kleinigkeit. Ich fand nie, daß er daneben ist.
Er muss auch heute noch rumziehen, und Freude verbreiten mit seinen unterhaltsamen Aufführungen. Eine Show aufführen - ist das verrückt?









